Dezember. Jahresende. Endlich ist es vorbei, das Jahr der zahlreichen Deutschland-Jubiläen: 2.000 Jahre Schlacht im Teutoburger Wald, 60 Jahre Grundgesetz und ... 20 Jahre Mauerfall. Nationale Besoffenheit auf allen Kanälen, wochenlang von früh bis spät. Die Regie des ZDF inszeniert mit infantilen Festlichkeiten am Brandenburger Tor ein passendes Deutschland-Bild mit Thomas Gottschalk und Guido Knopp. Treffender ließe sich der Zustand dieser Gesellschaft und ihres Umgangs mit Geschichte kaum beschreiben. Schließlich sollen alle Dabeigewesenen und Nachgeborenen wissen, dass der 9. November ein Tag der Freude ist.
Endete doch der Zweite Weltkrieg in Wirklichkeit erst 1989, nicht etwa 1945. Kann man sich angemessene Jubel- und Gedenkfeiern am 8. Mai vorstellen? Wohl nicht in Deutschland. 20 Jahre nach 1989 lässt sich feststellen: Je düsterer das Bild, das von der DDR gezeichnet wird, umso fröhlicher strahlt die deutsche Gegenwart. Dabei sind für aufmerksame BeobachterInnen wachsende Parallelen unverkennbar. Nicht nur, dass die Gesellschaft der Bundesrepublik ökonomisch und politisch in eine tiefe Krise gerutscht ist, deren Ausmaße BewohnerInnen der ehemaligen DDR ziemlich bekannt vorkommen. Auch der Ausbau der staatlichen Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen lässt deja-vu-Erlebnisse aufkommen. Und beim Besuch des Hessentages können Erinnerungen an den „Tag der Nationalen Volksarmee“ aufkommen: Kriegsgerät aller Art und aller Größen wird schon vor Schulkindern freundlich präsentiert. Aber das dient natürlich nur der Sicherheit des Friedens. Und bei allem gebotenen Respekt vor den Opfern des DDR-Grenzregimes: Wo bleibt die Würdigung der Opfer der heutigen Mauer rings um die Festung Europa? Die Zahl der im Mittelmeer ertrunkenen oder nach ihrer Abschiebung zu Tode gefolterten Flüchtlinge ist längst nach Tausenden zu zählen. Wo bleiben sie in all den Festreden über gefallene Mauern und geöffnete Grenzen? Sind sie weniger wert als die Opfer des DDR-Schießbefehls, weil in ihnen kein „deutsches Blut“ fließt? Irgendwie scheint die Geschichtsschreibung immer mehr als Ablenkungsmanöver - und Druckmittel: Wer sich nicht mit dem nationalen Konsens mitfreut, der/dem wird getreu dem Motto: „Geh doch nach drüben!“ unterstellt, die DDR wiederhaben zu wollen. Dieser Quatsch ist eigentlich nicht ernstzunehmen. Die Überwindung des spießigen, repressiven Staatssozialismus war ein Fortschritt. Doch der nationalistische, neoliberale Krisenkapitalismus ist nicht die einzig mögliche Antwort der Geschichte. Diese muss noch gefunden werden. Allmählich wird es Zeit dafür. |